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DER TREND ZUR GRÖßE
von Eckhard Schimpf
Braunschweiger Zeitung, 9. Mai 1998


 
Das Fusions-fieber, das die Schlagzeilen und Börsenkurse prägt, wird von einem Phänomen beflügelt: der Globalisierung. Ganz neu ist der Begriff ja nicht mehr. Aber nun schlagen mit den Megathemen Mercedes/Chrysler und VW/Rolls-Royce die Auswirkungen internationaler Vernetzung besonders publikumswirksam durch. 

Hier lernt jeder anschaulich: Die Weltwirtschaft wächst zusammen. Die Märkte überwinden alle nationalen Grenzen. Das hat viele Gründe. Die Verkehrswege sind besser, schneller. Und irrrwitzige Telekommunikation und Computer-Finessen lassen per elektronischem Wimpernschlag bergweis Informationen und Milliarden Dollar-Devisen um den Erdball flitzen. 

Daß es deutsche Firmen sind , die in aller Welt zur Zeit die "top news" beherrschen, ist besonders erfreulich. Mercedes, Volkswagen und BMW sind machtvoll und gestärkt aus der Rezession zu Beginn der 90er Jahre hervorgegangen. Das ist wichtig für die Bundesrepublik, die – so kann man es sagen – ein Land der Autos ist, von denen hier direkt und indirekt jeder sechste Arbeitsplatz abhängt. 

Es war ein Glücksfall, daß im Wirtschaftswellental Visionäre wie Schrempp (Mercedes, Piëch (VW), und Pischetsrieder (BMW) die Zügel in den Händen hielten. Sie haben nicht nur Ballast und Fehler der Vergangenheit beseitigt, sondern ihre Konzerne auf die Kernkompetenz konzentriert: nämlich Autos zu bauen. Und das ausschließlich. Die ganze Palette der Möglichkeiten rauf und runter –vom Winzling bis zum Supersportwagen. So bündelt man Stärke. Schon darf man spekulieren, ob nicht in wenigen Jahren –begünstigt durch die momentane Schwäche der Japaner (Toyota) – Mercedes und VW zusammen mit General Motors das Trio der "Großen Drei!" in der Autobranche bilden werden. Manches Land (z.B. Frankreich mit Renault und Citroen/Peugeot) oder Schweden (Volvo, Scania/Saab) wird schon in absehbarer Zeit keine selbständige Autoindustrie mehr haben, sondern von einem der Giganten (VW?) "geschluckt" werden. 

Die Globalisierung ist nun mal nicht aufzuhalten, auch wenn dieser Drang zur Größe manche Gefahren birgt. Alle Fusionen setzen schließlich auf Synergie-Effekte, die in hohem Maße auch auf Rationalisierung ausgerichtet sind. Das kann im Stammland der Unternehmen Arbeitsplätze gefährden, die irgendwo in der Welt billiger sind. Die Vorteile dieser Expansionen (z. B. beim Einkauf, bei der Großfertigung, beim "Shareholder-Value") sind indes unübersehbar. Eine negative Folge ist auch, daß sich die Autos wegen der immer häufiger werdenden Kooperationen, wegen des Teileaustausches (Motoren) und der Plattform-Strategien immer mehr ähneln, sozusagen austauschbar werden. 

Da ist es ein Glücksfall, daß VW in dieser Epoche von einem Mann gelenkt wird, der nicht nur Visionär ist, sondern auch Auto-Freak. Er, der von sich selbst sagt, daß er "die Autos und die Kunden liebt", weiß genau, was am Markt ankommt. Golf, Audi A3, Passat, Beetle und die vielen Denkmodelle, die noch nicht serienreif sind, haben das bewiesen. Piëch wird deshalb aus dem Milliarden-Deal mit Rolls-Royce ein Geschäft machen, das allen nutzt. Dem eigenen Land und dem Partnerland Großbritannien, dem Konzern und den Kunden.