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Leserbrief an die Braunschweiger Zeitung
  Roger Hicks, 21. August 1998


 
Sehr geehrte Damen und Herren,

Dies ist eine verspätete, aber immer noch aktuelle Reaktion auf Ihren Leitartikel vom 8. Mai 1998 
"Der Trend zur Größe".

Ich glaube, daß der Autor des Leitartikels, Herr Schimpf, an einer weitverbreiteten Verzerrung des Wirklichkeitssinns leidet: Sie heißt AUTOWAHN.

Als ich diesen Leitartikel las, hatte ich das Gefühl in der Patientenzeitung einer Irrenanstalt zu lesen. Hat der Autor nichts vom Konzept RAUMSCHIFF ERDE gehört? Die Kapitäne der Autoindustrie, die Herren Schrempp, Piëch und Pischetsrieder, sind keine Visionäre wie der Autor sie nennt, sondern Dummköpfe! Mit ihrem Autowahn leisten sie den deutschen Hauptbeitrag (eine Spitzenleistung natürlich, wie man es von den Deutschen gewöhnt ist) zum Weltuntergang! Und die Braunschweiger Zeitung leistet auch ihren Teil, indem sie diesen Verrückten Beifall schenkt und die Mehrheit ihrer Leser in ihrem Glauben bestärkt, es könne alles so weiter gehen mit dem Auto wie bis jetzt. Wer nicht unter dem Autowahn leidet, braucht kein Visionär zu sein, um zu sehen, daß es nicht so weiter gehen kann. Wir sind jetzt schon fast 6 Milliarden Menschen, die auf diesem großen, aber doch begrenzten Planeten leben. Zur Zeit besitzt durchschnittlich etwa jeder 12-te ein eigenes Auto, und jetzt schon stöhnt die Erde unter der Last. Lange bevor jeder zweite sein eigenes Auto besitzt, wie in Deutschland, auch bei einem Benzinverbrauch von nur 3 Liter, werden die LIFE-SUPPORT-SYSTEME von RAUMSCHIFF ERDE, von denen unser Überleben abhängt, zusammenbrechen!

Bündnis90/Die Grünen werden - auch von Ihrer Zeitung - beschimpft und als die Verrückten dargestellt, weil sie über einen Zeitraum von 10 Jahren den Benzinpreis auf 5 DM erhöhen wollen. Diese Forderung ist vernünftig, verantwortungsvoll UND dringend notwendig! Diejenigen, die sie ablehnen, sind die eigentlich Verantwortungslosen! Leider trauen sich nicht einmal die Grünen, ganz laut und deutlich zu sagen: Wir müssen weg vom Auto! Nicht ganz weg. Aber auf Dauer kann nicht jeder, wie bei uns üblich, sein eigenes besitzen. Eine, zwei oder gar drei Milliarden Autos verkraftet die Erde nicht! Oder meinen Sie: Wir dürfen, aber die anderen nicht? In Deutschland wurde das Auto ja erfunden; deswegen wäre es angebracht und würde Deutschland auch gut tun, wenn es das erste Land wäre, das die Anzahl und den Gebrauch von Autos auf ein faires und dauerhaft haltbares Maß zu reduzieren würde.

Es geht natürlich nicht NUR um unsere Einstellung zum Auto, sondern allgemein um unsere Einstellung zum Umgang mit unserem Planeten RAUMSCHIFF ERDE und der Belastbarkeit seiner LIFE-SUPPORT- SYSTEME. Die leider immer noch herrschende Einstellung wurde in einem Artikel "Politische Raserei auf grüner Welle" von Hans Overberg am 20 Mai 1995 in der Braunschweiger Zeitung anläßlich des Einzugs der Grünen in den Landtag von Nordrhein-Westfalen besonders klar und deutlich zum Ausdruck gebracht:

"Nach den Punktgewinnen der Grünen bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Bremen wollen sich jetzt die anderen politischen Parteien offenbar in grünen Vorschlägen geradezu überbieten. Ginge diese "grüne Welle" ungebremst weiter, könnten in der Steuer-, Verkehrs- und Energiepolitik schon bald ökologische Ziele die bisher mit Recht maßgeblichen ökonomischen Überlegungen überlagern." Vielleicht ist Herr Oberberg inzwischen weiser geworden, aber damals hat er eindeutig die Ökonomie (der Haushalt der Menschen) vor die Ökologie (der Haushalt der Erde) gestellt. Diese Einstellung kommt auch in dem Leitartikel von Herrn Schimpf zum Ausdruck. Sie wird auch vom Bundeskanzler, vom Bundespräsidenten, vom Kanzlerkandidaten der SPD, und von vielen anderen geteilt. Das ändert aber nichts daran, daß sie grundfalsch ist und die Grundlagen unserer Existenz bedroht.

Denn die Ökologie umschließt die LIFE-SUPPORT-SYSTEME unseres Planeten RAUMSCHIFFS ERDE. Die Ökonomie kann sich NUR innerhalb und auf Dauer im Einklang mit der Ökologie abspielen. Das ist keine Ansichtssache, sondern Tatsache. Wenn die, die besondere Verantwortung tragen (auch Zeitungsredakture), diese einfache Erkenntnis nicht bald begreifen - und daraus die Konsequenten ziehen - sieht unsere Zukunft und die unserer Kinder sehr düster aus. Denn wenn die LIFE-SUPPORT-SYSTEME unseres Raumschiffs versagen, wird es für die Natur schrecklich einfach sein, neue Gleichgewichte herzustellen, aber für uns oder für unsere Kinder wird es einfach schrecklich sein.

Das Konzept vom RAUMSCHIFF ERDE verwende ich immer wieder, weil es leicht zu begreifen ist (wenn man nicht durch Autowahn oder ähnliches verblendet ist) und zum Verständnis der Ernsthaftigkeit unserer Situation viel beitragen kann. Daß die Mannschaft eines Raumschiffes nicht alles machen kann, was ihr in den Kopf kommen mag, versteht jeder. Warum ist es beim RAUMSCHIFF ERDE anders? Wahrscheinlich weil die Erde so riesig und das Verhalten von einzelnen Menschen - oder auch von einzelnen Nationen - ziemlich belanglos sind. Jeder von uns ist nur ein winzig kleiner Tropfen auf dem heißen Stein. Aber auch der größte heiße Stein wird kalt, wenn genügend Tropfen auf ihn fallen. RAUMSCHIFF ERDE mag riesig sein, er hat aber auch eine riesig große Mannschaft an Bord.

Seit Anfang der 70er Jahre vermehren sich die Stimmen, die uns vor den Grenzen des Wachstums und der Belastbarkeit der Ökosysteme (unsere LIFE-SUPPORT-SYSTEME) warnen. Aber leider gibt es immer noch viel zu viele Menschen, wie Herr Schimpf und seine Helden in der Politik und Automobilindustrie, die es einfach nicht wahrhaben wollen, sondern an ihren Träumen von UNBEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN immer noch klammern. Auf einem Planeten mit 6 MILLIARDEN BEWOHNERN, begrenzten Resourcen und Ökosystemen, die nur bedingt belastbar sind, sind unsere Möglichkeiten nicht unbegrenzt.

Wenn ALLE (6 Milliarden von uns) Auto fahren wollen (und darauf läuft es hinaus), werden wir die Belastbarkeit unserer LIFE-SUPPORT-SYSTEME überschreiten. So einfach ist das.

Das Problem liegt zum Teil in unserer menschlichen Natur, aber auch in einem Wirtschaftssystem, das nach immer steigenden Produktions- und Konsumraten verlangt, ohne die es zu wirtschaftlichen Stagnation und Rezession kommt, die wiederum zu steigender Arbeitslosigkeit und sozialem Elend führen. Hier steht unsere Art von Ökonomie in direktem Widerspruch zur Ökologie. Wir haben eine einfache Wahl: Wir ändern uns und unsere Ökonomie oder wie werden uns bald zu den Dinosauriern gesellen müssen.

Mit mahnenden Grüßen Roger A. Hicks